Von Sandy Cape über Wave Rock nach Esperance
Roadtrip durch Western Australia – Teil 2
Unfassbare Weite, Mystische Felsen und türkisfarbene Buchten
Nach den intensiven Tagen in der Shark Bay wenden wir unseren Camper wieder gen Süden. Die Route führt uns zurück entlang der Küste, doch wir bleiben nicht lange auf bekannten Wegen. Stattdessen „hoppen“ wir von einer Bucht zur nächsten – Wir legen einen Zwischenstopp in Coronation Bay ein. Ein kleiner Campground mit dem Notwendigsten liegt direkt am Strand. Wir lassen die Seele baumeln und schauen den Kitesurfern zu. (Coronation Bay ist wegen seiner perfekten Winde ein äußerst beliebter Spot zum Kitesurfen.)
Am nächten Tag fahren wir weiter nach Süden und erreichen schließlich etwa 10 km nördlich von Jurien Bay Sandy Cape.
Schon die Anfahrt ist spektakulär. Weißer Sand, so hell, dass er fast blendet, zieht sich in endlosen Dünenlandschaften bis ans Meer. Das Wasser ist kristallklar, schimmert in hellen Türkistönen – fast zu schön, um wahr zu sein.

Wir wissen allerdings: Hier ist Vorsicht geboten. Quallen treiben im Wasser, und Schwimmen ist keine gute Idee, wie wir schmerzlich erfahren mussten. Doch selbst ohne ins Meer zu gehen, ist dieser Ort magisch. Am Abend stehen wir ganz allein in den schneeweißen Dünen, der Wind legt sich langsam, und vor uns versinkt die Sonne glutrot im Ozean, während hinter uns der Vollmond aufgeht. Ein Moment, der bleibt.


Durch den Wheat Belt – endlose Felder, endlose Gedanken
Die nächste Etappe führt uns in den Südwesten, hinein in den Wheat Belt von Western Australia. Diese Region ist das landwirtschaftliche Herz des Bundesstaates: riesige Getreidefelder, soweit das Auge reicht, Weizen, Gerste, Raps. Der Wheat Belt entstand Anfang des 20. Jahrhunderts durch massive Rodungen, um das Land landwirtschaftlich nutzbar zu machen. Heute ist er eine der produktivsten Agrarregionen Australiens – aber auch eine Landschaft, die Monotonie ausstrahlt.
Die Fahrt zieht sich. Der Wind zerrt am Camper, die Straße scheint kein Ende zu nehmen. Kaum Abwechslung, kaum Orte, die zum Anhalten einladen. Die Zeit dehnt sich, Gedanken schweifen. Es ist eine dieser Strecken, die man nicht wegen ihrer Schönheit fährt, sondern weil sie Teil des Weges ist.
Ein weiterer Stopp ist nötig, bevor wir unser nächstes großes Ziel erreichen. Wir entscheiden uns für Northam, ein kleines Städtchen, das auf den ersten Blick wenig hergibt. Doch hier entdecken wir das Bilya Koort Boodja Centre – ein modernes, sehr eindrücklich gestaltetes Kulturzentrum, das die Geschichte, Lebensweise und Spiritualität der Nyoongar, der Aborigines dieser Region erzählt. Werkzeuge, Alltagsgegenstände, Geschichten und Mythen vermitteln ein tiefes Verständnis dafür, wie eng die First Nations mit diesem Land verbunden sind. Es ist ein stiller, respektvoller Ort, der uns erdet, bevor wir weiterfahren. (Mehr dazu: https://www.bilyakoortboodja.com)


Wave Rock – ein steinerner Ozean
Dann, nach weiteren langen Stunden auf der Straße, taucht er plötzlich auf: Wave Rock. Und wir sind überrascht. Denn dieser Ort ist so viel mehr als die ikonische Welle, die man von Fotos kennt. Der gesamte Granitfelsen ist gewaltig – ein massiver Monolith, der sich über 15 Meter hoch und fast 110 Meter lang aus der Landschaft erhebt.

Der Fels ist rund 2,7 Milliarden Jahre alt. Wind, Regen und chemische Verwitterung haben ihn über Millionen von Jahren geformt, bis diese perfekte, eingefrorene Welle entstand. Die farbigen Streifen entstehen durch Mineralien, die durch Wasser ausgewaschen wurden – Eisenoxide, die dem Gestein seine rostfarbenen Nuancen verleihen.

Der kleine Campground am Fuß des Felsens ist liebevoll angelegt, überraschend komfortabel und bietet sogar einen kleinen Salzwasserpool – eine Wohltat nach der staubigen Fahrt. Am Abend steigen wir auf den Felsen, blicken über die Weite des Landes und erleben erneut einen dieser Sonnenuntergänge, die Western Australia so besonders machen: ruhig, weit, würdevoll.
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Am nächsten Morgen wandern wir entlang des Fußes des Felsens. Erst hier wird uns seine wahre Dimension bewusst. Der Rundweg führt uns durch eine fast unwirkliche Landschaft, vorbei an salzverkrusteten Böden, zu einem Salzsee, dann am kleinen Flugfeld vorbei zurück zum Camp. Alles wirkt still, zeitlos, fast entrückt.


Bevor wir weiterfahren, machen wir noch einen Abstecher zu Mulka’s Cave, etwa 19 Kilometer nördlich von Wave Rock. Diese Höhle ist ein heiliger Ort der Noongar. An den Wänden finden sich jahrtausendealte Handabdrücke. Der Legende nach wurde Mulka, ein Junge mit schlechten Augen, von seinem Stamm ausgeschlossen, weil er bei der Jagd versagte. Aus Wut und Einsamkeit zog er sich in diese Höhle zurück. Seine Handabdrücke gelten als Zeichen seines Daseins – und seiner Trennung von der Gemeinschaft. Ein stiller, bewegender Ort, der Respekt einfordert.
Enttäuschung in Esperance
Voller Eindrücke fahren wir weiter nach Südosten. Unser Ziel: Esperance. Der Name klingt nach Weite, Einsamkeit, Traumstränden. Die Realität ist ernüchternd. Nach einem langen Fahrtag sind alle Campingplätze ausgebucht. Man schickt uns zu einem Overflow-Camp auf dem Showground. Schotter, eine einfache Toilette, kein Strom – und dafür 60 AUD! Die Enttäuschung sitzt tief.
Wir sind müde. Also schlafen wir erstmal.
Am nächsten Morgen zieht sich alles. Einkaufen, Tanken, Wasser entsorgen, Planen. Der Vormittag vergeht, ohne dass wir wirklich ankommen. Doch dann treffen wir eine Entscheidung, die sich als goldrichtig erweist: Wir fahren weiter – nach Cape Le Grand.

Cape Le Grand – ein Ort zum Verlieben
Die beiden offiziellen Campgrounds sind ebenfalls voll, doch ein paar Kilometer im Hinterland entdecken wir den Dunns Ecopark, ein Farmcamp unter Eukalyptusbäumen. Keine Parzellen, keine Hektik – nur Stille, Wind in den Blättern und Raum. Genau das, was wir brauchen.

Am nächsten Morgen starten wir zum Bay-Hopping. Schon die erste Bucht, Hellfire Bay, raubt uns den Atem. Selten haben wir etwas Vergleichbares gesehen. Sanfte Granitfelsen rahmen eine perfekte Bucht ein, der Sand ist schneeweiß und so fein, dass er unter den Füßen quietscht. Das Wasser leuchtet in allen Blau- und Türkistönen, glasklar, ruhig, einladend. Wir stehen lange einfach nur da und schauen. Perfektion.

Weiter geht es zur Thistle Cove. Über der Bucht thront der markante Whistling Rock. Der Wind pfeift durch feine Ritzen im Fels und erzeugt ein heulendes Geräusch. Ein heiliger Ort der Aborigines. Der Traumzeit-Legende nach weint hier eine Mutter um ihre Kinder, die von einem Adler ins Meer geworfen wurden, nachdem sie zwei Eier aus seinem Nest gestohlen hatten. Die Geschichte verleiht diesem ohnehin beeindruckenden Ort eine zusätzliche Tiefe, wir werden dieser Geschichte noch an anderer Stelle begegnen.

Der Tag endet in der Lucky Bay, einer endlosen, sanften Bucht. Ihren Namen verdankt sie Matthew Flinders, der hier 1802 anlandete und sich glücklich schätzte, einen so geschützten Ort gefunden zu haben. Wir spazieren über den weiten Strand, kochen unser Abendessen mit Blick aufs Meer und lassen den Tag langsam ausklingen.

Die Nacht auf dem Farmcamp ist still. Tief, ruhig, erholsam.
Am nächsten Morgen brechen wir direkt nach dem Frühstück auf, um den Frenchman Peak zu besteigen. Was auf der Karte wie eine überschaubare Wanderung aussieht, entpuppt sich schnell als echtes Abenteuer. Es gibt keinen klaren Weg, keine Stufen, keine Sicherungen – nur blanken Fels, der sich steil vor uns auftürmt. Teilweise klettern wir auf allen Vieren, suchen Halt mit Händen und Füßen, tasten uns Schritt für Schritt nach oben. Der Wind weht kräftig, die Sonne brennt auf den Fels, und das glatte Gestein verzeiht keinen Fehler. Jeder einzelne Schritt verlangt volle Konzentration.


Je höher wir kommen, desto weiter öffnet sich der Blick, bis wir schließlich eine große Höhle erreichen, hoch oben im Felsmassiv. Von hier aus liegt das gesamte Cape Le Grand unter uns: die geschwungenen Buchten, das schimmernde Meer, die endlosen weißen Strände – ein Panorama, das uns den Atem raubt. Stolz und Erleichterung mischen sich in diesem Moment, denn wir wissen: Diese Besteigung war nicht ungefährlich, aber sie hat sich gelohnt.
Der Frenchman Peak wirkt, als habe jemand auf die natürliche Erhebung noch einen weiteren gewaltigen Felsblock gesetzt. Der Traumzeitlegende der Noongar zufolge ist es der Adler selbst, der einst die beiden Kinder ins Meer warf, nachdem sie zwei Eier aus seinem Nest gestohlen hatten. Nun sitzt er hier oben, auf dem höchsten Punkt des Landes, und wacht darüber, dass sie niemals zurückkehren. Mit diesem Wissen bekommt der Berg eine zusätzliche Tiefe – und wir steigen schweigend wieder hinab, erfüllt von Ehrfurcht vor diesem Ort, seiner Geschichte und seiner rohen, ungezähmten Kraft.

Nach diesem Kraftakt erkunden wir den Le Grand Beach, kehren schließlich noch einmal zur Hellfire Bay zurück, schwimmen, liegen im Sand, sonnen uns. Es sind diese Tage, an denen nichts fehlt. Am späten Nachmittag sitzen wir wieder in unserem Camp unter den Eukalyptusbäumen, atmen den Duft ein und wissen: Cape Le Grand hat uns erwischt.
Hier, zwischen Granitfelsen, türkisfarbenem Wasser und endloser Weite, spüren wir diese tiefe Dankbarkeit, unterwegs zu sein. Genau hier. Genau jetzt.